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BSL-News 2008/22 — Die elf Teufel: Tanz auf Tasten, Rasen und Leinwand

Im Juni zeigen die Breitenseer Lichtspiele alte und neue Filme rund um den Fussball mit einem furiosen Anstoss am Sonntag, 1. Juni um 18:30 Uhr: Gerhard Gruber improvisiert am Piano zu "Die elf Teufel". An den EURO-Spieltagen gibt's ein Alternativprogramm für die Ballverweigerer: Eine Auswahl aus den Filmen von Laurel and Hardy.

Gerhard Gruber ist ein Virtuose. Nicht mit dem Ball, aber zum Ball. Nicht auf dem Rasen, sondern auf den Tasten. Dazwischen: die Leinwand. Am Sonntag, 1. Juni 2008 um 18:30 Uhr spielt er zum Auftakt des Fussball-Film-Programms in den Breitenseer Lichtspielen zu dem frühen Sportfilm "Die elf Teufel".

Die Kameramänner Leopold Kutzleb und Paul Holzki lehnten sich an den von Murnau entwickelte Stil der "entfesselten Kamera" an und verfolgten den Ball mit rasenden Kamerafahrten entlang der Außenlinie. Für die damalige Zeit - der Film kam 1927 in die Kinos - ein schwindelerregendes Ereignis. Darauf wird Gerhard Gruber seine musikalischen Improvisationen aufbauen. Wer ihn zweimal zum selben Film spielen gehört hat, weiß, dass er die Musik in jedem Filmkonzert neu erfindet.

Egal, ob wir Fussballfans sind oder nicht: Dieser Sport ist Teil unseres alltäglichen Lebens, wir begegnen ihm überall, im Zentrum oder am Rande unserer Aufmerksamkeit. Und so ist es auch im Kino: Fussball als Thema von Filmen, als Randerscheinung, als Folie für Geschichten von Liebe und Rivalität, von Solidarität und Klassenkampf taucht immer wieder auf und hinterlässt so unabsichtlich eine dokumentarische Spur der Gesellschaft und seiner Selbst. Was ist der Fussball selbst? - Der Ball, das Spiel, die Regeln, das Geschrei der Zuschauer, die Körner auf dem Filmstreifen oder die Wahrnehmung im Auge des Zuschauers - derer am Fussballplatz oder jener im Kino? Kommen Sie in die Breitenseer Lichtspiele und bereichern Sie Ihr Bild vom Fussball!

Der Kinopianist Gerhard Gruber

Gerhard Gruber wurde 1951 in Aigen/Mk. (O.Ö.)nahe der tschechischen Grenze geboren. Auch heute noch ist ihm dieser karge Landstrich im Norden Österreichs lieb und teuer; für ihn bedeutet er Zurückgezogenheit und Stille im Ausgleich zum turbulenten Berufsleben.

Mit zehn Jahren "übersiedelt" er in ein Internat in Linz-Urfahr. Dort kommt er sehr früh in Berührung mit dem Stummfilm, der später eine bedeutende Rolle in seiner beruflichen Laufbahn spielen sollte. In regelmäßigen Abständen gab es an Sonntagvormittagen Stummfilmprogramm mit Buster Keaton, Laurel & Hardy und Charlie Chaplin.

Stummfilm-Aufführungen gehören in der Kulturwelt eher zu den Raritäten; "eine Ritze in der Nische", wie Gerhard Gruber es zu bezeichnen pflegt. Trotzdem ist das Begleiten von Stummfilmen für ihn seit 1988 zum zweiten beruflichen Standbein geworden.

Sein Repertoire umfasst ca. 400 verschiedene Stummfilme; Auftritte führten ihn über Österreich hinaus bereits nach Tokyo, Australien, Kroatien, Bordeaux, Hamburg. Viennale, Diagonale, Filmarchiv Austria, Österr. Filmmuseum, viele Orte in den Bundesländern und natürlich das Breitenseer Kino waren in Österreich seine Spielorte. Als Theaterkomponist war er im Jahre 2006 Nestroypreisträger.

Wichtig ist ihm, dem Publikum seine Begeisterung für diese Filme in seiner Musikbegleitung weiterzugeben, in eine Welt zu verführen, die längst untergegangen zu sein scheint und uns trotzdem immer wieder erneut berührt oder uns zum Lachen bringt.

Sei es sein Musik-Marathon beim Sommerkino 1999 "Kings of Comedy" (über 80 Filme an 17 Tagen durchgehend), die Vertonung des Stummfilmes "Die Stadt ohne Juden" (zusammen mit Adula Ibn Quadr/Geige und Peter Rosmanith/Percussion) oder die vielen Aufführungen im Metrokino des Filmarchiv Austria und bei andereren Veranstaltern - immer ist sein voller Einsatz Garant für dichte, spannende und vergnügliche Stunden.

„Es war, als wäre ich in den Film hineingefallen“

(Rohrbacher Rundschau vom 3.1.2008)
Gerhard Gruber (56), gebürtiger Aigner, macht als einziger Österreicher hauptberuflich mit seinem Klavier Musik zu Stummfilmen. Mit der Rohrbacher Rundschau hat er über seine Musik gesprochen und darüber, warum er immer live improvisiert und ohne Proben zu Filmen spielt.

Warum gerade Filmmusik?

Das Musikalische verfolgt mich seit meiner Kindheit. In meiner Zeit als Schüler habe ich viele Stummfilme im Internat gesehen. Ich habe mich sehr lange nicht als Musiker bezeichnet. Jeder Mensch macht etwas – und ich mache Musik. Ich habe ein Interesse daran, Bilder in eine andere Sprache umzusetzen. Für mich ist die Musik der normalste Weg, etwas auszudrücken. Ich sehe mich mehr als Erzähler mit Hilfe des Instrumentes, denn als Musiker.

Was ist das Besondere an der Filmmusik für einen Stummfilm?

Ein Stummfilm ist etwas Historisches, etwas Wiederbelebtes. Es geht nicht darum, Nostalgie zu verbreiten. Es ist Blödsinn zu denken, ich setzte einen Zylinder auf und setze mich mit einem Bier zum Klavier. Filme ohne Ton erfordern eine andere Aufnahme. Ich transportiere mit meiner Musik Geschehen und Emotionen für den Zuschauer. Filmmusik kann den Film aber auch zerstören. Die Musik muss dem Film dienen – nicht die Musik soll im Mittelpunkt stehen. Wenn die Person verschwindet und die Sache übrigbleibt, ist es eine gute Sache.

Was muss ein Film für Sie haben, damit er in Ihren Augen gut ist?

Er muss mich überraschen können – in irgendeiner Form. Man könnte auch sagen: überrumpeln, verführen. Ich darf nicht hinausgehen und sagen: Das kenn‘ ich alles.

Ihr Lieblingsfilm?

Das ist schwer zu sagen. Jeder gute Film ist im Moment ein Lieblingsfilm.

Gibt es für Sie auch gute Hollywood-Filme?

Es gibt schon auch gute Hollywood-Filme. Aber es ist nicht zwingend der Aufwand, der einen Film gut macht. Heute sind die Bildschnitte so schnell. In einem Stummfilm wird beispielsweise auch drei Minuten durchgedreht. Da zeigen sich fantastische Qualitäten der Schauspieler.

Wie macht man Filmmusik?

Ich habe jahrelang gespielt, ohne den Film vorher gesehen zu haben. Es ist eine Mischung aus Reaktion und Intuition. Ich darf nicht nachdenken darüber, was ich tu‘. Ich muss wissen, wie erzeuge ich Trauer oder Freude musikalisch, wie begleitet man eine Verfolgungsjagd. Bei meiner ersten Aufführung war es, als wäre ich in den Film hineingefallen. Man ist als Filmmusiker die Figuren, das Gefühl der Figuren und die Situation. Es geht darum, zu erwischen, was gerade ist. Ich spiele die Musik zu einem Film nie im Vorhinein. Ich kann das Erleben nicht vordenken – sonst müsste ich nachher nachdenken was ich vorher vorgedacht habe.

Sind Sie nervös, wenn Sie zu jedem Film live spielen?

Konzentration und Spannung auf den Moment sind wichtig, sonst kann man das im Film nachher nicht aufbauen. Es ist wie das Trippeln eines Pferdes vor dem Rennen – aber nervös? Ich bin beim Spielen nicht hilflos wie zum Beispiel ein Theaterspieler der seinen Text vergisst.

Worauf arbeiten Sie hin?

In meinem Alter arbeiten viele auf die Pension hin. Ich freue mich, dass ich mit 56 Jahren noch so viel Energie habe. Mein Hauptziel ist es, die Energie und Lust zu bewahren. Und ich möchte meine Auslandsaktivitäten
verstärken.

Mehr unter =>> filmmusik.at

Filmkonzert — Die elf Teufel

Sonntag, 1. Juni 2008, 18:30 Uhr — mit Gerhard Gruber am Piano

D 1927, R: Zoltan Korda, D: Gustav Fröhlich, Evelyn Holt, Lissy Arna, Fritz Alberti, Willi Forst, Jack Mylong-Münz, Harry Nestor, Géza L. Weiss, DVD, L: 98 Min.

Tommy (Gustav Fröhlich) ist der unumstrittene Star des bitterarmen Amateurvereins SC Linda. Deren Spieler haben sich den Spitznamen „Die Elf Teufel“ redlich verdient. Doch als das Idol der Vorstadtjungen ein Angebot des Profivereins SC International bekommt, beginnt das Unheil: Tommy erliegt nicht nur den Reizen eines hochdotierten Vertrags, sondern wenig später auch denen einer Femme fatale, die sich den Jungprofi angeln will. Sehr zum Leidwesen seiner Freundin Linda, zugleich der Liebling der Elf Teufel. Erst als Tommy mit seinem neuen Profiteam bei seinem alten Verein antreten muss, kommt er langsam zur Vernunft.

Aus heutiger Sicht muss man Die elf Teufel durchaus als prophetischen Film bezeichnen. Das beginnt schon mit einem frühen Zwischentitel: "Fußball, der Sport des Jahrhunderts". Dann ist ein Ball im Bild, das Licht konzentriert sich auf ihn wie auf einen sakralen Gegenstand. Und wir sehen, dass sich schon damals die Fans auf der Tribüne in handgreifliche Auseinandersetzungen verwickelten.

=> Besprechung im Filmdienst
=> Besprechung auf Wikipedia

Videos von Gerhard Gruber

Pianist Gerhard Gruber, der immer wieder auch in den BSL zu Gast ist, hat einige Videos auf seiner Website veröffentlicht, nicht nur von Interviews, die im Herbst 2007 in den BSL entstanden, sondern auch sehenswerte Aufnahmen von seiner aufregenden Performance mit Kataoka Ichiro beim Motovun Filmfestival im Sommer 2007. Selber anschauen!

Unheimliche Geschichten — Remake

Di 02.10.07, 18.30 Uhr
Sa 13.10.07, 20.30 Uhr (Piano live)
Fr 04.01.08, 20.30 Uhr (Piano live)

D 1932, R: Richard Oswald, D. Paul Wegener, Maria Koppenhoefer, Harald Paulsen, VHS, L: 84 Min.

Richard Oswalds Remake nach dem von ihm 1919 inszenierten => gleichnamigen Stummfilm ist ein Stück deutscher Filmgeschichte. Wir verdanken ihm einen der stärksten Filmeindrücke aller Zeiten!

Dirnentragödie

So 30.12.07, 18.30 Uhr (Piano live)

D 1927, R: Bruno Rahn, D: Asta Nielsen, Hilde Jennings, Oskar Homolka, Werner Pittschau, Hedwig Pauly-Winterstein, Otto Kronburger, Hermann Picha, Eva Speyer-Stöckel, Gerhard Dammann, 35 mm, 24B/s, L: 79 Min

Ein hilfloses Paar Beine wankt in schwarzen Strümpfen über das Kopfsteinpflaster des nächtlichen Berlins, bis Auguste eines Tages auf den jungen Felix trifft. Seinetwegen will die in die Jahre gekommene Dirne ihre Profession an den Nagel hängen und eine bürgerliche Existenz aufbauen. Stolz ersteht sie eine kleine Konditorei.

»Kannst dir deinen Jüngling sauer kochen!«, echauffiert sich ihr Zuhälter Anton Kauzke und schon nimmt die DIRNENTRAGÖDIE ihren Lauf. Verführung, Mord und Selbstmord bringt Bruno Rahn in expressionistischem Stil auf die Leinwand.

Der Film gehört zu jenen Berliner »Straßenfilmen«, die das »Zille Milljöh« des Proletariats effektvoll thematisieren, und ist auch ein herausragendes Beispiel für den Fortschritt der Regisseure der zwanziger Jahre im Einsatz von Beleuchtung, Ausstattung und Kameraführung.

=> Material auf filmportal.de

Kohlhiesels Töchter

So 30.12.07, 16.30 Uhr (Piano live)

D 1920, R: Ernst Lubitsch, D: Henny Porten, Emil Jannings, Gustav von Wangenheim,
35 mm, 18B/s, L: 64 Min.

Ernst Lubitsch inszenierte seine Version des Komödienstoffs als ländliche Variante von „Der Widerspenstigen Zähmung“: Der Gastwirt Mathias Kohlhiesel will seine zwei ungleichen Töchter verheiraten – die kratzbürstige Liesl und die hübsche Gretl. Xaver und Seppl bemühen sich beide um Gretl, doch Vater Kohlhiesel will erst seine ältere Tochter unter die Haube bringen.

=> Material zum Film auf filmportal.de

Die Frau, nach der man sich sehnt

Sa 29.12.07, 20.30 Uhr (Piano live)

D 1929, R: Kurt Bernhardt, D: Fritz Kortner, Marlene Dietrich, Oskar Sima, 35 mm, 24B/s, L: 76 Min.

Ein Stummfilmmelodram, in dem Marlene Dietrich neben dem genialischen Fritz Kortner erstmals in der Rolle der "femme fatale" brilliert.

Die Industriellenfamilie Leblanc steht vor dem Bankrott. Die Rettung naht, als Sohn Erwin eine Tochter aus reichem Haus heiraten kann. In den Flitterwochen verliebt sich Erwin jedoch in die hübsche Stascha und lässt seine Angetraute im Stich. Stascha lebt aber mit Dr. Karoff zusammen, der sie wegen eines Verbrechens an sich bindet. Als Karoff bemerkt, dass Stascha mit Erwin fliehen will, droht er mit der Polizei. Stascha muss sich nun entscheiden...

Marlene Dietrich ist hier zum ersten Mal (nach ihrem Film mit Harry Liedtke) in einer führenden Rolle herausgestellt; ihre Filmbegabung, zu der sich der Reiz ihrer Erscheinung gesellt, ist unmittelbar überzeugend (...). Kortner spielt seine bisher vielleicht glücklichste und beste Filmrolle.

=> Bonner Kinemathek
=> Erwin Goelz, in: Deutsche Allgemeine Zeitung
=> Maaterial auf filmportal.de

Die Pest in Florenz

Sa 15.12.07, 18.30 Uhr (Piano live)

D 1917, R: Otto Rippert, D: Th. Becker, Marga Kierska, Erich Bartels, Juliette Brandt, 35 mm, 20B/s, L: 92 Min.

Die Kurtisane Julia stürzt das sittenstrenge Florenz in einen Rausch der Leidenschaften: Cesare, der Herr der Stadt, verliebt sich in sie, aber sie zieht seinen Sohn Lorenzo vor. Cesare lässt Julia daraufhin foltern, und Lorenzo tötet den Vater.

Die Erste Internationale Filmzeitung veröffentlichte am 25. Oktober 1919 eine Kritik von Figdor, die die Beziehung zwischen der im Film dargestellten Epoche und dem Deutschland der unmittelbaren Nachkriegszeit herstellt: „(...) Premierenstimmung im Marmorhaus. (...) ,Sieben Kapitel der italienischen Renaissance‘, ein komprimiertes Wiederauferstehen jenes Taumels von Liebe und Haß, von Unduldsamkeit und wildem Kampfe aller gegen alle, von dem die alten Chroniken erzählen, und der, trotz aller Brutalität, immerhin ein wenig noch graziöser war als unser Kampf von heute aus dem gleichen Urgrund alles Seins, aus Haß, Hunger und Liebe ...“

Die „Pest“ von Florenz ist die Frau, die jung verführt und Morde provoziert und alt zur Massenmörderin wird. Sie ist ein Instrument wie ,Sie‘ in Totentanz, aber nicht mehr das eines Mannes, sondern das eines Gottes, des göttlichen Fluchs, denn in fine herrscht in Florenz die göttliche Ordnung.

=> Materialien auf filmportal.de

Eine venezianische Nacht

Fr 14.12.07, 18.30 Uhr (Piano live)
Di 01.01.08 18.30 Uhr


Max ReinhardtD 1913, R: Max Reinhardt, D: Maria Carmi, Joseph Klein, Alfred Abel, 16mm, 18B/s, L: 52 Min.

Einer der wenigen von Max Reinhardt inszenierten Filme: Der junge Anselmus Aselmeyer erfüllt sich einen langgehegten Wunsch: Er reist nach Venedig, der Stadt seiner Träume. Dort angekommen, dirigiert ihn der Hausknecht Pipistrello sofort zum Hotel seines Chefs, und Anselmus landet mitten in einer Hochzeitsgesellschaft, wo seltsame Dinge geschehen...

=> Materialien zum Film auf filmportal.de

Der Student von Prag (1913)

Fr 30.11.07 (Piano live) 20.30 Uhr

D 1913, R: Stellan Rye, D: Paul Wegener, Grete Berger, DVD, L: 41 Min.

Prag 1820. Der Student Balduin verkauft sein Spiegelbild an den geheimnisvollen Wucherer Scapinelli. Fortan führt er ein Leben in Saus und Braus und erobert das Herz der Gräfin Margit. Als deren Verlobter, Freiherr Waldis-Schwarzenberg, davon erfährt, fordert er Balduin zum Duell. Balduin verspricht Margit und ihrem Vater, das Leben seines Gegners zu schonen, doch das Spiegelbild nimmt an seiner Statt am Duell teil ...

"Einer der wenigen für die künstlerische Weiterentwicklung des deutschen Films bedeutende deutsche Film vor Ausbruch des Krieges ist Der Student von Prag vom Max-Reinhardt-Schauspieler Paul Wegener. Hier "tauchte zum erstenmal ein Thema auf, von dem der deutsche Film in der Folge nicht wieder loskam: das angelegentliche und angstvolle Fahnden nach den Grundlagen des Ich" (Siegfried Kracauer, From Caligari To Hitler); im expressionistischen Film entwickelt sich dieser Ansatz nach dem Krieg fort. In Der Student von Prag stellt Kameramann Guido Seeber dem Hauptdarsteller Paul Wegener durch kaschierte Bildteile und Doppelbelichtungen ein Alter Ego effektvoll gegenüber. Der Film vollzieht auf diese Weise einen bedeutenden Schritt zur Loslösung vom Theater und hin zu einem filmspezifischen Ausdruck." (Johannes Leisen auf 34millimetzer.de)

=> Einige filmhistorische Beiträge auf filmtagebuch.blogger.de
=> Für die ganz großen Fans ein Buch zum Film
=> Zur Fassung von 1926

Ihre Vergangenheit

Fr 30.11.07, 20.30 Uhr (Piano live)
A/USA 1922, R: Sydney M. Goldin, D: Magda Sonja, G. Voltier, Paul Kronegg, Ruth Stephen, L: 44 Min.

Ein Schriftsteller ohne Ideen begibt sich ins Obdachlosenheim, um sich anlässlich eines Wettbewerbs Stoff für eine Geschichte zu verschaffen. Eine alte Frau liefert ihm diesen Stoff - es ist ihre eigene traurige Geschichte. Der Schriftsteller gewinnt den 1.Preis und stiftet das Preisgeld als dankbarer Sohn seiner Mutter.

=> Artikel im Programmheft des Filmarchiv Austria

Mutter Krausens Fahrt ins Glück

Fr 07.12.07 20.30 Uhr (Piano live)

D 1929, R: Piel Jutzi, Kinomusik: Paul Dessau, D: Alexandra Schmitt, Holmes Zimmermann, Ilse Trautschold, Gerhard Bienert, Vera Sacharowa, Friedrich Gnaß, Zensurverbot: 22.4.1933, 35 mm, 22 B/s, L: 114 Min.

Mutter Krause teilt sich ihre winzige Wohnung in einer Berliner Mietskaserne mit Tochter Erna, Sohn Paul, einem kleinkriminellen Untermieter und der Hure Friede, die für ihn anschaffen geht. Der Zuhälter bedrängt Erna erfolglos, mit ihm zu schlafen. Ernas Geliebter, der Arbeiter Max, dessen Mansarde ein Marx-Bildnis ziert, wird eifersüchtig. Nach einem Krach trennt sich das Liebespaar.

Krauses sind bitterarm. Die alte Mutter bessert das knappe Haushaltsgeld als Zeitungsausträgerin auf. Als der arbeitslose Sohn ihr die noch nicht beim Zeitungshändler abgerechneten Tageseinnahmen stiehlt und in der Kneipe versäuft, weiß Mutter Krause in ihrer Verzweiflung weder ein noch aus.

"Der bisher beste deutsche Film des Jahres: Mutter Krausens Fahrt ins Glück ist nach einem hinterlassenen Filmmanuskript von Heinrich Zille, bearbeitet von seinem Freund Otto Nagel, einem echten Proletarier vom Wedding. Nagel sucht mit seinem Regisseur Piel Jutzi seine Schauspieler nicht unter den Primadonnen und Prominenten aus, sondern holte sich unbekannte und erwerbslose Darsteller heran.

Wie es Zilles Art entsprach, spielt dieser Film im ärmsten proletarischen Milieu, hart an den Rändern des Absturzes in den Sumpf, zeichnet die Hauptpersonen in ihrer kleinbürgerlichen Befangenheit, bald bedenkenlos lustig, bald resignierend, und stellt ihnen in einem organisierten Arbeiter den Ausweg durch den Klassenkampf gegenüber. [...]"
(Fritz Schiff in: Der Klassenkampf, Nr. 3, 1.2.1930)

=> Kurzinformation auf 35mm
=> Materialien zum Film auf filmportal.de

Cafe Electric

Fr 07.12.07 18.30 Uhr (Piano live)
Sa 29.12.07 16.30 Uhr (Piano live)

A 1927, R: Gustav Ucicky, D: Willi Forst, Marlene Dietrich, Fritz Alberti, 16 mm, 18 B/s, L: 109 Min.

Kommerzialrat Göttlinger ist ein angesehener Mann der Gesellschaft. Seine Tochter Erni verfällt jedoch dem Zuhälter Ferdl. Aus Liebe zu ihm stiehlt sie einen Ring aus dem Safe ihres Vaters. Doch Ferdl liegt an Erni nicht so viel. Mit dem Ring will er vielmehr seine Freundin Hansi gefügig machen. Diese ist wiederum mit Max liiert, der für Göttlinger arbeitet.

Als Max und Hansi im Café Electric sitzen und Göttlinger vorbeikommt, sieht er seinen gestohlenen Ring an Hansis Finger, hält Max für den Dieb und entlässt ihn. Hansi verrät Ferdl, von dem sie den Ring bekommen hat, an die Polizei, und das Schicksal nimmt seinen Lauf, denn Ferdl schwört Rache...

Auch dieser Film gehört eigentlich nicht in diese Rerospektive, aber da es die letzte Produktion des bereits schwer kranken Alexander „Sascha“ Kolowrat war und gleichzeitig der Startschuss der großen Karrieren von Willy Forst und Marlene Dietrich war, wollte ich ihn auch zeigen.

=> Materialien auf filmportal.de
=> Rund um die Filmproduktion auf Silents are Golden

Die Nibelungen, 2.Teil – Kriemhilds Rache

Mi 05.12.07, 18.30 Uhr
Fr 28.12.07, 20.30 Uhr (Piano live)

D 1922/24, R: Fritz Lang, D: Margarethe Schöne, Theodor Loos, Hans Adalbert Schlettow, Rudolf Klein-Rogge, Georg John, DVD, L: 148 Min.

Langs Programmatik: „Sollte der Nibelungenfilm aber zu einer neuen Form des alten Epos werden, so war es notwendig, einen Stil für ihn zu finden, der die Idee des Werkes kristallen ins Licht hob. Die Majestät und fabelhafte Buntheit deutscher Dome mußte ihm einen Hauch verleihen; daneben die unsäglich schlichte Schönheit des Volksliedes. Es galt, die gespenstische Dämmerung von Nebelwiesen, wo Unholde hausen und Drachen sich träge zum Wasser wälzen - das letzte Gemunkel eines Natur-Märchen-Glaubens - mit der tiefen Inbrunst ernster Gebete im Dom zu vereinen, das Geheimnis der Urelemente mit dem Geheimnis des Weihrauchs."

Nachdem Kriemhild der Werbung des Hunnenkönigs Etzel nachgegeben hat, kann sie Jahre später König Gunther und sein Gefolge an Etzels Hof locken. Das blutige Gemetzel überleben nur Gunther und Hagen. Derweil Kriemhild herauszufinden versucht, wo man einst den von Siegfried erworbenen Nibelungenhort versenkte, schickt Gunther den Waffenmeister Hildebrandt als gedungenen Mörder, um Kriemhild töten zu lassen...

Dass für die Verfilmung des Nibelungen-Mythos ein für damalige Verhältnisse unvorstellbar großes Budget von acht Millionen Reichsmark und eine Produktionszeit von zwei Jahren veranschlagt werden konnte, lässt sich auf zweierlei Weise begründen: Zum einen sollte nach dem verlorenen Krieg das angeschlagene Nationalgefühl der Deutschen gezielt wieder aufgerichtet werden.

Zum anderen konnte die Produktionsfirma Decla-Bioskop, die noch während der Produktion dieses Filmes mit der Ufa fusionierte, bei richtiger Einschätzung von Wirkungspotential des Stoffes und herrschendem Zeitgeist davon ausgehen, dass man mit der Wahl des bekannten deutschen Nationalepos einen Erfolg beim Massenpublikum erzielen würde. "Die Nibelungen" hatten bei Kritik und Publikum in Deutschland einen überwältigenden Erfolg. (prisma.de)

=> Die Nibelungen, 1.Teil: Siegfried
=> Clip auf Video Bomb
=> Review on leninimports
=> An Introduction on the site of Michael Organ
=> Filmbesprechcung auf Wikipedia
=> Ausführliche Inhaltsangabe auf filmzentrale.de
=> Materielien auf filmportal.de
=> Nibelungenrezeption.de
=> Fabian Lindner zur Wirkungsgeschichte
=> Das Lieder der Nibelungen von Ludwig Uhland auf Projekt Gutenberg

Die Nibelungen, 1.Teil: Siegfried

Di 04.12.07, 18.30 Uhr
Do 27.12.07, 20.30 Uhr (Piano live)

D 1922/24, R: Fritz Lang, D: Gertrud Arnold, Margarethe Schön, Hanna Ralph, Paul Richter, Theodor Loos, DVD, L: 141 Min.

„Dem deutschen Volke zu eigen“ ist diese Produktion der Decla-Bioscop. Die Verfilmung der Sage von den Nibelungen soll einen Nationalmythos für die Gegenwart erschließen. Lang glaubt, im jungen Medium (er selbst ist noch ganz hingerissen von den technischen Möglichkeiten des Kinos) käme der alte Stoff erst so richtig zu sich: als Abenteuer­­geschichte in großem Stil, die weit in die Geschichte zurückgreift und Regionen des Archetypischen erschließt - ein Märchen eben, das auf ein Massenmedium gewartet hat, um sich in eine unendliche Geschichte verwandeln zu lassen.

Der erste Gesang geht auch noch in diese Richtung. Siegfrieds Auszug in die Welt und seine Tötung des Drachens zeigen ein Reich des Fantastischen, aber schon das erste Bild vom Hof in Worms macht deutlich, dass es nur im deutschen Wald noch halbwegs kreatürlich zugeht. Aus der Festung der Burgunder ist alles Leben bereits entwichen, und Lang schaut dem Tod bei der Arbeit zu. Tom Gunning sieht darin die klassische Definition der Allegorie verwirklicht: Das Leben wird durchsichtig auf den Tod, an markanter Stelle im Film verwandelt sich auch tatsächlich ein blühender Baum in einen Totenkopf aus Flammen.

„Im Untergrund dieser Beschwörung einer ursprünglichen, mythischen Welt“, schreibt Gunning, „rumort ein Bedürfnis nach Systematik, nach dem Schematischen und Abstrakten.“ Für Gunning beruht die ganze Ästhetik der NIBELUNGEN auf ihrem Verhältnis zum Mythos, den Lang vorgeblich wieder beleben will, während er praktisch vorführt, dass es keine andere Verbindung in die alte Welt gibt als eine des Ästhetizismus.

=> Die Nibelungen, 2.Teil – Kriemhilds Rache
=> Clip auf Video Bomb
=> Review on leninimports
=> An Introduction on the site of Michael Organ
=> Filmbesprechung auf Wikipedia
=> Ausführliche Inhaltsangabe auf filmzentrale.de
=> Materielien auf filmportal.de
=> Nibelungenrezeption.de
=> Fabian Lindner zur Wirkungsgeschichte
=> Das Lieder der Nibelungen von Ludwig Uhland auf Projekt Gutenberg

Das Gesetz der Liebe - Schuldlos geächtet

Sa 03.11.07, 18.30 Uhr (Piano live)
So 25.11.07, 16.30 Uhr (Piano live)

D 1927, R: Richard Oswald, Magnus Hirschfeld, D: Conrad Veith, Magnus Hirschfeld, DVD, L: 40 Min.

Von dem Film des Sexualwissenschaftlers Dr. Magnus Hirschfeld, in dem dieser im gesamten Naturreich, vom einfachsten Lebewesen bis hinauf zum Menschen‘ die Probleme des Liebeslebens und insbesondere der gleichgeschlechtlichen Liebe darstellen wollte, ist nur die letzte Episode fragmentarisch erhalten geblieben. Erzählt wird die Geschichte eines homosexuellen Violinvirtuosen, der an den Vorurteilen seiner Umgebung und am Gesetzesparagraphen 175, der Homosexualität unter Strafe stellte, zugrunde geht. Diese Episode ist eine umgeschnittene Kurzfassung des Films "Anders als die Anderen" aus dem Jahr 1919.

Ich küsse ihre Hand, Madame

Do 29.11.07, 18.30 Uhr
Fr 28.12.07, 18.30 Uhr (Piano live)

D 1928, R: Robert Land, D: Harry Liedtke, Marlene Dietrich, Pierre de Guignand, VHS, L: 90 Min.

Eine Rarität aus dem Werk der größten Leinwanddiva, die Deutschland je hervorgebrachte. Bevor sie durch den BLAUEN ENGEL zum Star wurde und ihrem Entdecker Josef von Sternberg nach Amerika folgte, spielte Marlene Dietrich bereits ihre erste Hauptrolle.

ICH KÜSSE IHRE HAND, MADAME, dessen Titel auf dem im Herstellungsjahr 1928 sensationell erfolgreichen Schlager von Richard Tauber basierte, handelt vom Grafen Lerski, den die russische Revolution nach Paris verschlagen hat. Seinen eleganten Frack hat er behalten, sein Vermögen ist verloren - er arbeitet als Kellner.

Im Restaurant lernt er die gerade geschiedene, mondän kühle Laurence Gerard kennen. Zunächst hält sie ihn für den Adeligen der er einst war, doch nachdem die Klassenverhältnisse richtig gerückt sind, beleidigt sie sein charmantes Werben mit einem Trinkgeld.

Der selbstbewußte Lerski, läßt sich nicht so schnell abweisen. In Konkurrenz mit dem ehemaligen Ehemann von Laurence stellt er ihr nach, nur um durch eine kleine Bosheit von ihr zum Etagenkellner eines Hotels degradiert zu werden. Larski setzt an, allen Widerstäden zum Trotz das harte Herz dieser schönen Frau zu brechen.

=> Rezension auf Amazon.de
=> Materialien zum Film auf filmportal.de

Menschen am Sonntag

Mi 28.11.07, 18.30 Uhr
Sa 05.01.08, 18.30 Uhr (Piano live)

D 1930, R: Robert Sidomak, Edgar G. Ulmer, Buch: Billy Wilder (emigriert 1933 nach Paris) nach einer Reportage von Kurt Siodmak, D: Erwin Splettstößer, Brigitte Borchert, Wolfgang v. Waltershausen, Christl Ehlers, Annie Schreyer, 1997 restaurierte Fassung auf DVD, L: 74 Min.

»Diese jungen Leute standen hier zum ersten Mal in ihrem Leben vor einer Kamera. Heute gehen sie alle wieder ihren Berufen nach«, heißt es im Vorspann von Menschen am Sonntag. Ohne Studiogeld, mit Laiendarstellern und dem großartigen Kameramann Eugen Schüfftan schuf das Trio Robert Sidomak, Edgar Ulmer und Billy Wilder eines der herausragendsten Werke der deutschen Stummfilm-Avantgarde. - Der halbdokumentarische Film erzählt in bestechend ungekünstelter Sachlichkeit und Authentizität von einem gewöhnlichen Wochenendvergnügen einer Gruppe junger Menschen in Berlin.

=> Filmbesprechung auf Wikipedia
=> Rezension auf filmzentrale.de
=> Materialien zum Film auf filmportal.de
=> Fotogalerie auf filmportal.de
=> Zeitgenössische Filmkritiken

Die Augen der Mumie Ma

So 18.11.07, 16.30 Uhr (Piano live)

D 1918, R: Ernst Lubitsch, D: Pola Negri, Emil Jannings, Harry Liedtke, Max Laurence, L: 58 Min.

Eine exotische Schauermär vor künstlicher Sandkulisse: Ein deutscher Maler besucht das angeblich verfluchte Grab der Mumie Mâ, deren Augen sich unerklärlicherweise bewegen. Freilich nur ein Trick, vorgetäuscht durch ein Sklavenmädchen auf Geheiß eines finsteren Ägypters.

Als der Maler hinter den Betrug kommt, entführt er die Schöne, nennt sie Mâ und nimmt sie mit nach Europa, wo sie bald als Trance-Tanz-Attraktion Erfolge feiert. Der Schurke folgt ihnen, mit fatalen Folgen.

Lubitschs erster großer Kostümfilm (wenn auch vergleichsweise preiswert in der Nähe von Berlin gedreht), ein beträchtlicher Publikums und Kritikererfolg – und das ideale Karrieresprungbrett für ihn selbst wie für seine Hauptdarsteller Emil Jannings und Pola Negri. Hanns Zischler: „Alles sehr unwahrscheinlich und doch plausibel. Erotik ganz auf die Negri projiziert, welche sie verschluckt, wie ein schwarzes Loch.“